Sinterklaas = Nikolaus, ruzie (”rüsie”) = Streit. :-)
Letztes Jahr fand ich die Sinterklaas-Gepflogenheiten in den Niederlanden noch ganz exotisch, aber dieses Jahr gehen sie mir schon mächtig auf die Nerven. Deswegen gab es sogar schon eine kleine Auseinandersetzung hier, weil ich dauernd daran rummeckere.
Der Niederländische Sinterklaas-Kommerz unterscheidet sich nämlich mächtig von unserem, schon in der Länge: Sinterklaas kommt bereits an einem Samstag Mitte November in den Niederlanden an, und ist dann Dauergast bis zum 5.12. Er kommt mit dem Dampfschiff, und aus Spanien! Merkwürdig, dass der hier aus Spanien kommt! Und sogar fernseh-übertragen. Große Sache, das. Von diesem Startpunkt an ist quasi bis Nikolaus durchgehend Nikolaus. So gesehen ein großes, wochenlanges Kinderfest, bei dem die Kleinen dauernd ihre Schuhe rausstellen und gefüllt bekommen, und zwar bis zum Ende, dem “Packjes-Avond” (Päckchen-Abend), an dem es Geschenke (Kadootjes) hagelt. Ich finde das übertrieben. Wohl eine Gegenbewegung zum Sinterklaas-Aussterben vor einigen Jahren. Man hat mir erzählt, dass Sinterklaas (und das damit verbundene Geschäft für die Händler) vor einigen Jahren kaum noch begangen wurde, und dass deshalb ne Schippe drauf gepackt wurde, sogar gesetzlich. Das Fest ist für die Händler so wichtig, weil Weihnachtsgeschäft hier fast nichts mit Geschenken zu tun hat.

Alle Kinder sind jedenfalls in den Sinterklaas-Wochen im permanenten Geschenkerausch, denn es gibt bei weitem nicht nur Süßigkeiten wie bei uns.
Der Sinterklaas hat außerdem einen Haufen Mohren (”Zwarte Pieten” = Schwarzer Peter) im Schlepptau, und nicht etwa den mir bekannten Knecht Ruprecht mit der Rute. Und die dunkel geschminkte Holländer in Sarottimohr-Gewand sind keineswegs ernstzunehmende strafende Gegengewichte zum “Sint”, sondern für meinen Geschmack eher Comedy-Deppen, die jede Menge Blödsinn verzapfen.

Ich finde sie lächerlich. Egal wann man dieser Tage durch die Stadt geht, stets findet man einen verkleideten “Sint” mit diversen Zwarte Pieten, die zwecks Kinderbespaßung und Verteilung von Kruidnoten (Holländische Industrie-Backware, sieht aus wie Pfeffernüsse, schmeckt nach Spekulatius.) die City unsicher machen. Alle Unternehmen manchen dieser Tage mit Sint + Zwarte Pieten Werbung, und selbst bei Lidl stellen die Kinder selbst gebastelte Schuhe auf. Der Verein dominiert einfach alles. Es gibt sogar im Fernsehen täglich für die Kinder ein “Sinterklaas-Journal“, in dem in Nachrichtenform berichtet wird, was Sinterklaas und die Zwarte Pieten gerade tun, um die Geschenkpäckchen fertig zu kriegen. Auch online geht der Wahnsinn weiter.
Die Kehrseite der Medaille, und warum ich eigentlich meckere: Weihnachten (”kerst“), wie ich es kenne, kommt einfach viel zu kurz! Erstens gibts an Weihnachten in den Niederlanden üblicherweise keine Geschenke (Wohl ein Überrest des calvinistischen Hintergrunds), was aus meiner Sicht für ein richtiges Weihnachtsfest auch nicht erheblich ist, aber im Zusammenhang mit dem entgleisten Sinterklaas-Geschenke-Brauch dann doch irgendwie Doppelmoral. Zweitens orientiert sich Weihnachten quasi als Restgröße an Sinterklaas. Das bedeutet, dass zum Beispiel Advent, Adventskranz, die vier Kerzen vor dem Weihnachtsfest so gut wie keine Bedeutung haben hier. Und gerade diese Zeit der Besinnlichkeit ist mir persönlich sehr wichtig. Selbst gemachtes Weihnachtsgebäck und Lebkuchen spielen auch keine Rolle. Und vor Ende des Sinterklaas-Zyklus hängt auch schon gar keiner die Weihnachtsbeleuchtung raus. Solange Sinterklaas ist, ist quasi nicht Weihnachten. Ich find´s aber blöd, die Weihnachtsbeleuchtung erst am 10.12. oder so rauszuhängen. Da bin ich einfach DEUTSCH!!! Holländischer Sinterklaas und Kurz-Weihnachtszeit sind eine Zumutung und ein Kulturschock für Deutsche, sage ich! Hätte nie gedacht, dass im Nachbarland alles so viel anders aussieht. Die unterschiedlichen Traditionen hier und da sind der bisher größte von mir wahrgenommene Unterschiede.
Zurück zu Sinterklaas: Ich finde, dass der ganze Auftritt für nen Heiligen völlig unangemessen ist, und habe mal die Wikipedia zu den Bräuchen quer gelesen, um rauszufinden, warum das so verschieden zu unserem Nikolaus-Brauch ist. Es handelt sich jedenfalls um denselben Heiligen, der da in Erscheinung tritt, nämlich den Bischof Nikolaus von Myra, der diverse Wunder wirkte. Schön übrigens, sich mal wieder mit dem Ursprünglichen des Heiligen zu beschäftigen. :-)
Die Niederländischen Sinterklaas-Bräuche und ihre Geschichte kann man dort auch ganz prima nachlesen, ebenso den Umstand, dass Santa Clause/der Weihnachtsmann der amerikanische Nachfolger von Sinterklaas und seinem negativen Gegenpol zusammen ist, da die Niederländer dieses Brauchtum und den Namen dorthin mitgebracht haben. Und den Weihnachtsmann haben wir dann wieder reimportiert sozusagen. Er ist heutzutage Konkurrent zum Christkind geworden.
Interessant auch die Geschichte der “Zwarte Pieten“. Da wird doch deutlich, dass der Zwarte Piet an sich eine dem Knecht Ruprecht und dem Krampus vergleichbare Funktion hat(te), da er den negativen Gegenpol, also das strafende Element zum Nikolaus als Belohner verkörpert. Das tut er im Kommerz-Sinterklaas allerdings nicht mehr, sondern bringt die Kinder eher zum Lachen. Witzig: Das Geschwader der Zwarte Pieten war bis zum 2. WK auch nur ein einziger. Die Kanadischen Befreier-Soldaten der Niederlande haben, weil sie keine Ahnung vom Brauch hatten, mehrere draus gemacht. Eine Erfindung der jüngsten Vergangenheit also. :-))))
Egal. Eigentlich hab ich gar nichts dagegen, dass die Kinderaugen hier wochenlang strahlen, mir ist es nur schade um den Advent.
Nächstes Jahr, wenn ich mehr Zeit habe als diesmal, wird das jedenfalls anders hier! Dann mach ich hier nen deutschen Adventszauber, wie er mir gefällt. Plätzchen werden wie üblich selbst gebacken, Lebkuchen mit Schokoguss importiert! Und die Weihnachtsbeleuchtung kommt dieses Jahr schon zum Adventsbeginn raus, auch wenn sie dann die einzige in der Straße ist. ;-)